Monday, October 20, 2008

Der Konsul und ich

Von den zwei Dingen, die ich heute erledigen wollte, lief keines wie geplant. Im Lufthansa-Büro wollte ich meinen Flug umbuchen, um die letzten zwei Wochen in Kuba zu verbringen und in der Deutschen Botschaft wollte ich fragen, ob sie eine Idee haben, wo und wie ich eine WG oder Gastfamilie finden kann.

Beide Büros befinden sich im Bezirk Altamira. Alle Reiseführer haben mir diese Gegend als besonders guten Wohnort empfohlen (sicher, sauber und ruhig) und hier habe ich in den letzten Monaten versucht eine Unterkunft finden. Als ich aus der U-Bahn aussteige bin ich entsetzt. Ein gesichtsloses Geschäftsviertel mit schlechtgelaunten Anzugträgern und eingezäunten Hochhäusern an denen “Vorsicht – hohe Voltzahl” steht.

Im Lufthansabüro erzählt mir der Angestellte in geschliffenstem Englisch erst einmal eine halbe Stunde wie gefährlich Caracas sei, was für ein schreckliches Land Venezuela geworden sei und das früher alles besser war “And whose fault is it? It’s the fault of one man. El Presidente!” Dann sieht er sich vorsichtig um ob ihn jemand gehört hat, rückt seine Lufthansa-Krawatte zurecht und versucht meinen Flug umzubuchen. Obwohl mir in Deutschland noch kurz vor meinem Abflug gesagt wurde, dass eine Umbuchung kein Problem sei, ist es nun anscheinend nicht mehr möglich und ich gehe zu meinem nächsten Termin in die Botschaft.

Als die Angestellte in der Botschaft von meiner Anfrage nach Unterkunftsmöglichkeiten hört, teilt sie mir nach kurzer Rücksprache mit, dass mich der Konsul persönlich sprechen wolle. Ich bin überrascht, dass eine derart banale Anfrage den Konsul auf den Plan ruft. Als er schließlich kommt, erlebe ich den zweiten Monolog des Tages. Warum ich denn ausgerechnet nach Venezuela gekommen sei. Ausgerechnet! Ob ich denn nicht wisse, dass dies das gefährlichste Land Südamerikas sei, dass es in Caracas wöchentlich 50 Morde allein im Ballungszentrum gibt, dass auf die Polizei kein Verlass sei, dass die Botschaft seit letztem Jahr aus Sicherheitsgründen keine Praktikanten oder Referenten mehr einstellt, dass er in jedem anderem südamerikanischen Land lieber arbeiten würde und dass der Botschafter im Laufe der letzten zwei Jahre schon drei Mal überfallen wurde. Er selbst wohne in einem Gebäude mit allen erdenklichen Sicherheitsvorkehrungen, nur 15 min. von der Botschaft entfernt: “Und trotzdem fahre ich jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit. Aus Sicherheitsgründen. Aber selbst das ist nicht sicher. Hier ist man nirgendwo sicher.”
Ich erkläre ihm, dass es mir Leid tue, dass er in einem Land arbeiten muss, in dem er sich nicht wohl fühlt, dass ich nicht wusste, dass der Botschafter in den letzten zwei Jahren schon dreimal überfallen wurde und dass ich die Warnhinweise des Auswärtigen Amtes gelesen hätte und mich an alle Empfehlungen gehalten habe. Zur Verabschiedung drückt er mir einen Artikel des “Foreign Policy” in die Hand (http://www.foreignpolicy.com/story/cms.php?story_id=4480). Darin werden die “Mordhauptstädte der Welt” aufgelistet. Nummer eins ist demnach Caracas, gefolgt von Cape Town und New Orleans.
Ich kenne die Sicherheitsdiskussionen noch aus meiner Zeit in New Orleans, nur waren sie dort nicht so emotional aufgeladen. In beiden Städten gibt es ein enormes Armutsgefälle, in der sich die reiche Bevölkerung zum eigenen Schutz immer weiter abschottet, während sich die Armuts- und Kriminalitätsspirale der armen Bevölkerung immer weiter dreht. Die Mordrate ist in beiden Fällen deshalb so hoch, weil sich Teile der armen Bevölkerung gegenseitig umbringen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum nicht konsequent etwas dagegen getan wird.

So, jetzt bin ich erstmal schlecht gelaunt. Zum Glück steigt meine Stimmung als Roy und Dulce mich fragen, ob ich morgen mit ihnen joggen will. Morgen früh um fünf! Klar will ich.

Posted by chicavenezolana in 17:49:20 | Permalink | No Comments »

Verkehr

Mehr Angst als die Kriminalität macht mir der Verkehr. Ampeln und Zebrastreifen werden ignoriert und aus wievielen Spuren eine Straße besteht und in welche Fahrtrichtung der Verkehr fließt, ist Auslegungssache. Besonders tückisch sind Mopeds und Motorroller, die sich durch jeden Stau schlängeln und auch mal über den Gehsteig fahren, damit es schneller geht. Der einzige Weg sicher über die Straße zu kommen besteht für mich darin, mit den anderen Fußgängern mitzulaufen. D.h. ich warte solange am Straßenrand, bis jemand kommt, der ebenfalls über die Straße will. Dann laufe ich penetrant dicht neben diesem Fußgänger über die Straße, bis ich den sicheren Gehsteig erreicht habe. Unzählige Omas haben mir so schon das Leben gerettet.
Posted by chicavenezolana in 09:55:00 | Permalink | No Comments »