Monday, October 20, 2008

Verkehr

Mehr Angst als die Kriminalität macht mir der Verkehr. Ampeln und Zebrastreifen werden ignoriert und aus wievielen Spuren eine Straße besteht und in welche Fahrtrichtung der Verkehr fließt, ist Auslegungssache. Besonders tückisch sind Mopeds und Motorroller, die sich durch jeden Stau schlängeln und auch mal über den Gehsteig fahren, damit es schneller geht. Der einzige Weg sicher über die Straße zu kommen besteht für mich darin, mit den anderen Fußgängern mitzulaufen. D.h. ich warte solange am Straßenrand, bis jemand kommt, der ebenfalls über die Straße will. Dann laufe ich penetrant dicht neben diesem Fußgänger über die Straße, bis ich den sicheren Gehsteig erreicht habe. Unzählige Omas haben mir so schon das Leben gerettet.
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Sunday, October 19, 2008

Im Marzahn von Caracas

An einem der Internetportale am Frankfurter Flughafen rief ich meine E-Mails ab und erfuhr, dass Roy, meine venezolanische Übernachtungsmöglichkeit, mich vom Flughafen abholen wird – schon erstaunlich wie schnell man seine Mails checken kann, wenn eine Stunde Internetzugang 21 (!) Euro kostet -. Nach zehn Stunden Flug erwartete mich Roy in der Wartehalle des Flughafens Simón Bolívar in Caracas. Das Abholen vom Flughafen ist mehr als ein Gefallen. Ich hatte schon so viele Horrorgeschichten über die Fahrt vom Flughafen in die Stadt gehört (Abzocke, Diebstähle, Überfälle), dass ich keinen Zentimeter von seiner Seite wich.

Erst zwei Tage vor meinem Abflug war klar, dass ich für die erste Zeit bei ihm unterkommen kann. Ich lernte ihn über www.Hospitalityclub.org kennen. Alles was ich über ihn weiß, ist, dass er gerne und viel reist, regelmäßig Reisende in seinem Gästezimmer aufnimmt und einer der wenigen Menschen in Venezuela ist, die Englisch sprechen. Seine Wohnung liegt im sechsten Stock eines Hochhauses und aus dem Fenster sieht man noch mehr Hochhäuser. Dazwischen und an den Hängen des dahinter liegenden Ávile-Gebirgszuges stapeln sich die wild zusammengezimmerten Häuser der “barrios”, der Ghettos. Ich frage ihn, in welchem Stadtteil wir uns befinden und als er sagt “23 de enero” muss ich lachen. Alle haben mich vor diesem Stadtteil gewarnt. Und nun WOHNE ich hier. Die Hochhäuser wurden in den 50er Jahren gebaut um die Armen von der Straße zu holen. Ein klassischer sozialer Brennpunkt. Das Marzahn von Caracas.

Mit Roy lebt auch Dulce. Das Verhältnis der beiden ist mir nicht ganz klar, aber es ist auf jeden Fall harmonisch. Dafür ist die Rollenverteilung schnell geklärt. Während ich mit Roy eine Runde Schach spiele, kümmert sich Dulce um die Wäsche und kocht das Essen. Als ich ihm sage, dass er ziemliches Glück mit Dulce hat, versteht er erst nicht was ich meine. “Naja, sie kocht für dich, putzt die Wohnung, wäscht die Wäsche…” Er zuckt mit den Schultern. Als ich ihm sage, dass ich das mit Sicherheit nicht für ihn machen würde, muss er lachen.

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Saturday, October 18, 2008

CA-RA-CAS

Tim hat mich in meiner letzten Nacht in Berlin darauf gebracht, wie faszinierend allein der Klang des Wortes “Caracas” ist. CA-RA-CAS. Onomatopoesie in Reinform. Im Spanischen wird übrigens – anders als im Deutschen – die zweite Silbe betont. Während im Wort “Honolulu” die Sanftheit des Pazifiks mitschwingt, ist Caracas ein akustischer Peitschenschlag. Wahrscheinlich hatte der Erfinder des Namens eine Rassel in der Hand. CA-RA-CAS. Was kommt als nächstes? Hong Kong? Abu Dhabi? Novosibirsk? Kuala Lumpur? Am wahrscheinlichsten ist, dass ich Konrad, den Schachboxer, besuche. In Malmö.
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Unterkunft

Die Wohnungssuche gestaltet sich schwierig. WGs sind ohnehin unüblich in Venezuela und Gastfamilien geben ihre Anzeigen nicht im Internet auf, sondern in der Lokalzeitung. Die Internetanzeigen, die ich gefunden habe, haben sofort auf meine Anfrage reagiert. Sehr positiv. Leider zu positiv. Spätestens bei den Sätzen “Ich sehe gut aus” und “seit zwei Wochen ist mit meiner Freundin Schluss” habe ich den Kontakt abgebrochen. Caracas ist auch die erste Stadt, bei der das Blättern in Reiseführern nicht gerade die Vorfreude steigert. Im Dumont heißt es: ”Zweieinhalb Tage reichen für Caracas vollkommen aus”. Auch Marco Polo und LonelyPlanet raten zur Durchfahrt. Schmutzig, häßlich, laut und gefährlich. Was will man mehr.
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Thursday, October 16, 2008

Noch zwei Tage

In den Wochen und Monaten vor meinem Abflug überschlagen sich in Venezuela die Ereignisse: Erst bezeichnet Venezuelas Präsident Hugo Chávez auf dem Lateinamerikagipfel Angela Merkel als “politische Nachfahrin Hitlers”, dann wird ein Putschversuch gegen den Präsidenten vereitelt, als nächstes werden regierungskritische Mitarbeiter der Menschenrechtsorganisation “Human Rights Watch” des Landes verwiesen und schließlich verkündet Hugo Chávez – am Tag meiner Abschiedsfeier – alle McDonalds in Venezuela für 48 Stunden schließen zu lassen. Und zwar ab sofort. Alle diese Ereignisse erinnern mich daran, warum ich mir dieses Land ausgesucht habe: Hier wird es nicht langweilig.
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