Die Wahl
Heu frueh dachte ich, dass auf den Straßen Venezuelas ein Umsturzversuch stattfindet. Ich werde von Schüssen auf der Straße geweckt. Kein schönes Gefühl. Danach schallen aus Lautsprechern Militärfanfaren gefolgt von weiteren Schüssen. Wieder Fanfaren, wieder Schüsse. Es ist vier Uhr früh. Später erzählt mir Roy, dass das der Weckdienst des Militärs war. Bei jeder Wahl fährt noch vor Sonnenaufgang ein Weckkommando durch die Straßen um die Leute daran zu erinnern ihre Stimme abzugeben.
Roy geht wählen und ich komme mit. Alle Geschäfte müssen heute geschlossen bleiben. Alkoholische Getraenke dürfen schon seit gestern nicht mehr verkauft oder ausgeschenkt werden und die U-Bahn fährt heute kostenlos – alles wegen der Wahl. Sein Wahllokal ist in einer Grundschule. Reservisten in Uniform bewachen das Gebäude. In der Eingangshalle steht ein geschmückter Christbaum und dahinter ein Poster auf das Kinderhände „Feliz Navidad“ gekritzelt haben. Der Aufwand, der betrieben wird um eine fälschungssichere Wahl zu garantieren ist enorm. Name und Personalasweisnummer von Roy werden abgeglichen, er muss in einer Liste unterschreiben und dann seine Fingerabdrücke abgegeben. Danach gehen wir zu dem ihm zugewiesenen Klassenzimmer. Im Flur hocken schon Wartende aufgereiht auf Stühlchen von Erstklässlern. Habe ganz vergessen wie klein Sechsjährige sind. Im Klassenzimmer muss Roy nochmal Personalsausweis vorzeigen, unterschreiben und Fingerabdrücke abgeben. In jedem Raum gibt es nur eine Pappwand hinter der eine Person abstimmen kann, aber vier weitere Personen sind im Zimmer um den Wahlvorgang zu überwachen und zu betreuen. Danach muss er den kleinen Finger seiner linken Hand lila einfärben lassen, damit er sich nicht unter falschem Namen noch einmal reinschmuggeln kann. Ich bin eine der wenigen, die das Wahllokal nicht mit lila Finger verlassen. Ansonsten sieht man überall – egal ob auf der Straße oder im Fernsehen – Menschen mit lilafarbenem kleinen Finger.
Nachts um elf wird das Wahlergebnis bekanntgegeben. Es wurden in ganz Venezuela Gouverneure, und Bürgermeister gewählt. Von 22 Bundesstaaten hat die Chavez-Partei PSUV 18 gewonnen. Ein gigantischer Erfolg. Allerdings hat in allen wohlhabenden, ölreichen Gebieten, die Opposition gewonnen. Chávez, der alte Haudrauf, hatte vor der Wahl noch gewettert, dass er im Falle eines Wahlsieges der Opposition Panzer in diese Gegenden entsenden wird. Jetzt klingt das schon ganz anders. Er erkennt das Wahlergebnis an und freut sich über seine Wahlerfolge. Eigentlich wollte ich zur Verkündigung des Wahlergebnisses in die Hochburg der PSUV fahren um die Stimmung auf der Straße zu erleben. Aber als selbst die hartgesottensten Freunde von mir, die mich in die Ghettos von Caracas mitgenommen haben, sich weigern mit mir mitzukommen und mir DRINGEND abraten, abends und noch dazu in der Wahlnacht dort hinzugehen, siegt die Vernunft über meine Neugier.
Aristóbulo Istúriz, der Buergermeisterkandidat der PSUV, mit dem ich vor ein paar Tagen gesprochen habe, hat uebrigens knapp verloren.