Friday, November 14, 2008

Hl. Jungfrau von Betanien

Seit einigen Tagen brennt in unserem Wohnzimmer Tag und Nacht eine Totenkerze. Eine Erinnerung an Roys Mutter, die vor einem Jahr verstorben ist. Deshalb gehen wir heute in den Gottesdienst, aber vorher zum Wallfahrtsort der Hl. Jungfrau von Betanien. Venezolaner sind sehr gläubig, mischen aber gerne den Katholizismus mit Naturgottheiten und übersinnlichen Phänomenen. So ist neben dem Kruzifix in jedem Haus auch Kartenlesen, Tabaklesen – so etwas wie Kaffeesatzlesen nur mit der Pfeife – und die Hilfe spiritueller Medien recht beliebt. Roy hat das auch schon probiert. Er ging in die barrios (Ghettos), zahlte 20 Euro, das Medium versetzte sich in Trance, der Geist des Toten ergriff Besitz vom Körper des Mediums und Roy konnte für 10 Minuten mit dem Verstorbenen sprechen


 

Während der Busfahrt zum Wallfahrtsort sehe ich die schrecklichste Zeitung der Welt. Der Mann vor mir liest „Cronicle Venezuela“. Eine Auflistung von Morden und Unfällen in Venezuela. Die Hälfte der ersten Seite zeigt einen Ermordeten auf dem Leichentisch. Schon gewaschen, die Haare nass, die Haut blau angelaufen, die Augen verdreht. Der Rest der Zeitung liefert Fotos von Toten in allen erdenklichen Positionen: auf der Autobahn, vor der Haustür, verbrannt, verstümmelt, mit Schüssen in den Körper und in das Gesicht. Alles in Farbe, ohne Leichentuch und unverpixelt. Ein Traum für jeden Bild-Zeitungsmacher. Das Freizeit Pin-up-Girl auf der letzten Seite darf natürlich nicht fehlen.

Posted by chicavenezolana in 23:59:51
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