Chávez’ Wahlkampfzentrale
Habe mit genug Anti-Chavisten gesprochen und suche jetzt ein paar Chávez-Anhaenger. Nicht ganz so leicht, weil Caracas traditionell ein Lager der Opposition ist. Um Chavisten zu treffen muss man entweder aufs Land oder in die Ghettos.
Ich gehe direkt zur Wahlkampfzentrale der PSUV, der Partei von Hugo Chávez. Bin ueberrascht, wie leicht ich Zugang erhalte. Am Empfang sage ich, dass ich Journalistin aus Deutschland bin und schon findet sich einer, der besser Englisch spricht, als ich Spanisch, und mir beweisen will, wie offen es bei der PSUV zugeht. Ich muss mich nicht ausweisen, kein Formular ausfüllen, mich nirgendwo anmelden, nichts. Zum Vergleich: Als ich eine Handykarte gekauft habe musste ich meinen Pass inklusive Kopie mitbringen, es wurden alle Daten aufgenommen und meine Fingerabdrücke genommen.
Ich werde über das Außengelände der PSUV-Wahlkampfzentrale in das Hauptgebäude geführt. Klassische Kolonoialarchitektur von der schon der Putz bröckelt und nahezu jeder auf diesem Gelände trägt ein knallrotes T-Shirt – das Zeichen der Revolution. Wie im Film. Und ich Idiot habe meinen Fotoapparat nicht dabei. Finde den ganzen Sozialismuskram mit Revolution und so irgendwie saulustig. Fuer eine gute Chavista fehlt mir aber wohl der noetige Ernst. Ich darf mir die Sitzung von ein paar Freiwilligen ansehen die besprechen, wer in welchem Wahllokal als Aufpasser teilnimmt. Dann wird mir auf einmal vorgeschlagen, dass ich mit Aristóbulo Istúriz, dem Bürgermeisterkandidaten der PSUV, sprechen könne. In Anbetracht der Tatsache, dass mein Spanisch erbärmlich schlecht ist und dem Bürgermeisterkandidaten eine Journalistin aus Deutschland Wahlkampftechnisch überhaupt nichts bringt, kann ich gar nicht fassen, dass mir ein solches Angebot gemacht wird. Als er über den großen Innenhof des Gebäudes läuft erkenne ich ihn sofort. Die ganze Stadt hängt voll mit seinen Postern. Anfang 60, Afro-Venezolaner (das Wort gibt es in Venezuela ùeberhaupt nicht. Hier ist „negro“ eine vollkommen wertfreie Beschreibung), mit grauem Haaransatz und Brille. Wir gehen in ein ruhiges Zimmer, ich klammere mich an meinen Fragezettel und spreche Wort für Wort meine vorformulierten spanischen Fragen ab. Er erzählt davon, dass der niedrige Ölpreis dem Land nicht schaden wird, weil der Preis volatil ist und wieder steigen wird, dass er Chávez schon lange kennt und an ihm vor allem seine Disziplin schätzt, die soweit geht, dass der Präsident anscheinend kaum schläft. Später habe ich erfahren, dass Istúriz ein alter Weggefährte des Praesidenten ist und schon seit Chávez erstem – erfolglosen – Umsturzversuche an seiner Seite stand.
Danch wird mir eine 25-jährige Vollblutchavista vorgestellt. Sie erzählt, dass sie dank den Sozialprogrammen der Regierung studieren konnte. Einmal habe sie Chavez persönlich kennen gelernt, als er ihre Universitä besuchte. Sie musste weinen und er hat sie in Arm genommen. Chávez sei eine „Erscheinung“. Danach kriege ich noch zwei knallrote PSUV-T-Shirts und ein PSUV-Banner geschenkt.
Wieder daheim:
Roy toleriert meinen Chávez-Fimmel, so wie ich Oktoberfesttouristen toleriere. Ich muss ihm aber versprechen, dass ich die Chávez-Artikel in meinem Zimmer lasse und dass ich die T-Shirts nicht im näheren Umfeld dieser Wohnung anziehen werde.