Wednesday, November 12, 2008

In der US Botschaft

Joan hat mich bei der amerikanischen Botschaft als Besucherin angemeldet. Im Gegensatz zur deutschen Botschaft liegt die US-Botschaft nicht in einem Hochhaus im Stadtzentrum, sondern besetzt ein ganzes Areal auf einer Anhöhe in einem der nobelsten Bezirke der Stadt. Stelle schnell fest, dass Fußgänger, also Leute wie ich, hier die Ausnahme sind. Dann eine Szene wie im Film: Ein Geländewagen der gehobenen Preisklasse hält links neben mir, die geschwärzten Scheiben fahren herunter und geben den Blick frei auf die Insignien des wirtschaftlichen Erfolges. Während der Fahrer noch ein Handy am Ohr hat, fragt er wo ich hin will, sagt, dass es gefährlich sei hier zu Fuß zu gehen und ob er mich mitnehmen kann. Auf der Fahrt erzähle ich von meinen Ursprungsplänen ein Praktikum bei TeleSUR zu machen. „Ah, dann arbeitest du ja mit meinem Freund Aram Aharonian. – Aram Aharonian? Hm. Arbeitet er bei TeleSUR? – Ja. Er ist der Direktor.“ Peinlich, peinlich. Wir tauschen Nummern aus und ich steige bei der Botschaft mit dem traumhaftesten Blick über Caracas aus. Millionen von Lichtern, eingenistet in
3000 Meter hohe Gebirgszüge. In einem Seminarraum mit Flachbildschirmen und Flip-Chart stehen Schlagzeug, Keyboard und elektrische Gitarren. Juan und seine Band proben hier Lieder, wie es sich für eine amerikanische Botschaft gehört: Knockin’ on Heaven`s Door, Honky Tonk Woman, You shook me all night long und Sweet Home Alabama.

Einen Botschafter gibt es hier übrigens nicht mehr. Der wurde vor ein paar Monaten  von Hugo Chávez aus Solidarität mit Bolivien während einer spektakulären Fernsehansprache erst beschimpft und dann des Landes verwiesen.

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Saturday, November 8, 2008

Wahlkampf

Unsere Nachbarschaft ist von Emilio Graterón, einem der Bürgermeisterkandidaten, per Flyer zum Wahlkampf-Frühstück eingeladen. Wahrscheinlich wird er gewählt werden, weil er in die Fußstapfen des jetzigen Bürgermeisters tritt. Der derzeitige, sehr beliebte Bürgermeister darf nicht mehr antreten.  Chávez hat es ihm verboten, weil er angeblich oder tatsächlich, einen Putschversuch gegen ihn unterstützte.

Das Wahlkampffrühstück läuft wie überall auf der Welt: Der Kandidat verteilt Pastetchen, schüttelt Hände, verteilt Broschüren, grinst und hält eine Rede.

Nur die älteren Frauen fallen auf, die ihn nach der Rede segnen und ihm ein imaginäres Kreuz auf die Stirn malen.


 

Abends lerne ich Karen, eine Hospitality Club Bekanntschaft kennen. Sie ist Zahnärztin und hat wie die meisten vor rund zehn Jahren mit ihrer Stimme Chávez zum Sieg verholfen. Heute würde sie ihn „auf keinen Fall“ wieder wählen. Mit dabei ist ihr Kumpel Joan. Er arbeitet in der amerikanischen Botschaft, Abteilung Audiovisuelle Medien. Die US-Botschaft ist dafür bekannt eine Sicherheitsfestung zu sein und deshalb kann ich kaum glauben als mir Joan erzählt, dass er nach Dienstschluss mit seiner Rock-Band in den Räumen der amerikanischen Botschaft proben darf. Wenn ich will, kann ich es mir ansehen. Termin steht.

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Friday, November 7, 2008

Asylantenenglisch

KC ist überraschend zurück in die USA geflogen und stattdessen Ray eingezogen. Mein Spanisch ist zu schlecht und wir reden die meiste Zeit Englisch. Keine gute Idee. Statt mein Spanisch zu verbessern, verschlechtert sich mein Englisch. Spreche jetzt eine Mischung aus Pidgin und Asylantenenglisch.

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Thursday, November 6, 2008

Klassik

Das Ballet Contemporáneo de Caracas zeigt „El diario de Ana Frank“. Kann mich nicht damit anfreunden, dass über den Lebensweg und den Tod von Anne Frank ein Ballettstück gezeigt wird. KZ und Holocaust als Pas de deux? Bin ich die einzige, die das irritiert? Was kommt als nächstes? „Auschwitz: Das Musical“?


 

Gehe mit meinem Sprachtandem Evelyn und ihrem Mann in ein Konzert der Sinfónica de
la Juventud Venezolana Simón Bolívar. In Deutschland hatte mir Kathie von diesem Orchester vorgeschwärmt: Mit Hilfe klassischer Musik werden Kinder und Jugendliche von der Straße geholt. Kathies Freund ist Opernsänger und hatte hier ein  Gastspiel. Erwartungslos flog er nach Caracas und restlos begeistert kam er zurück. Stardirigenten wie Sir Simon Rattle und Claudio Abbado kommen jedes Jahr nach Venezuela um mit diesem herausragenden Orchester zu spielen. Dem Gründer dieses Projektes wurde der Alternative Nobelpreis verliehen.

 

Am Ende der Vorstellung gehören wir zu denjenigen, die klatschend aufstehen und drei Zugaben fordern. Gemäß sozialistischer Überzeugung, gab es van Beethoven und Brahms übrigens fast zum Nulltarif. Mit Studentenausweis hätte ich bei den Tickets nochmal 50 Prozent sparen können. So zahlte ich den vollen Preis von 4 Euro (!)

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Wednesday, November 5, 2008

Un negro en la casa blanca

Obama hat die Wahl gewonnen und die Zeitungen titeln: “Un negro en la Casa Blanca” – “Ein Schwarzer im Weissen Haus”. Chávez ist ganz begeistert und sendet Gruesse “von einem Schwarzen an einen Schwarzen”. Er hofft auf ein besseres Verhaeltnis zwischen den USA und Venezuela. Vor allem aber reitet er auf der Obama-Sympathiewelle mit. Die braucht er dringend, weil am 23. November in ganz Venezuela Buergermeister- und Gouverneurswahlen stattfinden und fuer seine Partei sieht es nicht gut aus.
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Tuesday, November 4, 2008

Schwierig

Brachte meine Unterlagen zu TeleSUR und nun heißt es, sie bräuchten die Originaldokumente. Sieht alles danach aus, als ob sich das Praktikum verschiebt – falls es jemals stattfinden sollte.

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Monday, November 3, 2008

Kein erster Arbeitstag

Habe letzte Woche schon bei TeleSUR vorbeigeschaut um mich vorzustellen und daran zu erinnern, dass am 1. November mein Praktikum beginnt. Meine Personalien wurden aufgenommen und das wars. Heute stehe ich also pünktlich um 8 in der Eingangshalle. Es ist das schickste Gebäude der Gegend.  In der futuristischen Eingangshalle muss man erst durch eine Sicherheitsschleuse bevor man sich an den Flachbildschirmen an der Wand das aktuelle Programm ansehen kann. Gerade wird eine Reportage über einen Eingeborenenstamm in Venezuela gezeigt. Danach ein Beitrag über die Machenschaften der CIA in Südamerika.

TeleSUR wird in ganz Suedamerika empfangen und wurde erst vor wenigen Jahren gegründet - als Gegenpol zu BBC und CNN. Initiiert von Hugo Chávez, dessen Ziel es ist eine Art südamerikanische EU aus der Taufe zu heben. Der ehrgeizige Plan wurde in den letzten Jahren bereits durch viele Projekte umgesetzt, darunter Wirtschaftsgemeinschaften (ALBA und Mercosur), eine Bank (Banco del Sur), und eben den Fernsehsender „TeleSur“.

Als die Rezeptionistin sagt, es dauert nur noch ein „momendito“, ein „segundito“, befürchte ich schon das schlimmste. Nach einer Stunde kommt señora Díaz, die mir erklärt, dass Douglas Bolívar, der mir das Praktikum per E-Mail zugesagt hatte, hier nicht mehr arbeitet und niemand etwas von mir wisse. Ich solle morgen nochmal mit allen Bewerbungsunterlagen kommen und dann sehen wir weiter.

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Sunday, November 2, 2008

Flitterwochen

Der Ausflug wird zum Bilderbuchurlaub: Neuer Strand (Santa Fe), Bootstour, Delphine, Korallentauchen, Muschelessen am Strand, Echsen füttern, Salsamusik, Meeresrauschen…

Danach zurueck nach Caracas. Morgen beginnt mein Praktikum bei TeleSUR.

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Wednesday, October 29, 2008

Strand

Spontane Reise an die Strände Venezuelas. Ich besteige den Reisebus in Flipflops um mir danach zwei Kapuzenpullis anzuziehen. Die Nachtbusse sind dafür bekannt, dass sie ihren modernen Standard dadurch zum Ausdruck bringen, dass sie die Temperatur auf ein Minimum herunterkühlen. Ein Verkäufer bietet heißen Kaffee an während er sein Wägelchen mit Thermoskannen durch den Gang schiebt. Einer der Fahrgäste ruft zurück: „Behalt deinen Kaffee. Hier ist es eiskalt. Wir brauchen Schnaps!“ Ich muss mehrmals die Transportmittel wechseln und je näher ich meinem Ziel komme, desto abenteuerlicher werden Straßen und Busse. Am Schluss sind es nur noch Pick-up-Trucks („Por Puestos“) – zusammengehalten mit Klebeband, Schnüren und Tackerklammern-, die alles mitnehmen, was am kaputten Straßenrand die Hand hoch hält. Als ich die Ladefläche aufsteigen will stehen und sitzen bereits zwanzig gut beleibte Männer und Frauen zusammengepfercht zwischen Maismehlsäcken und Zuckerpaketen; und obwohl die letzten bereits halb aus dem Wagen hängen, werde ich ganz selbstverständlich hereingewunken. Der Pick-up-Truck fährt los und die Ladefläche wird zum Mikrokosmos venezolanischer Lebenskultur. Salsa dudelt aus der Musikbox, alle reden wild gestikulierend durcheinander, man sieht ihre Zahnlücken wenn sie laut lachen und irgendwann entfacht eine hitzige Diskussion darüber, ob Chávez nun die Rettung oder der Untergang für Venezuela ist – dazwischen gibt es nichts. Nach insgesamt neun Stunden Fahrt komme ich am fast menschenleeren Strand des Playa Medina an. Ein Kleinod mitten in der Pampa. Die frische Luft ist ein Traum – im Gegensatz zu Caracas, wo ich mir jeden Abend die Dreckschicht vom Gesicht wasche.

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Monday, October 27, 2008

Kaffeemangel

Heute stand in der Zeitung, dass ein Kaffeemangel zu erwarten ist. KC überlegt, sich vorsorglich schon mal einzudecken. Nichts neues in Venezuela. Die Mangelwirtschaft ist eines der Nachteile des „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“. Letztes Jahr gab es im ganzen Land keine Milch mehr. Das Jahr zuvor mal wieder keinen Zucker. Der bevorstehende Kaffeemangel hatte sich schon vor der Zeitungsmeldung herumgesprochen. Spätestens als der Innenminister vor wenigen Tagen grundlos verkündete, dass es bis zum Ende des Jahres an keiner Ware fehlen werde war allen klar, dass sich jeder so schnell wie möglich bevorraten sollte. Als der Minister dann noch hinzufügte, dass, „falls es doch einen Mangel geben sollte, es nicht die Schuld der Warenpolitik der Regierung sei, sondern von ausländischen Spekulanten“, hieß die Botschaft: Renn und kauf!


Hole mir auf dem Markt Früchte, von denen ich nicht wusste, dass sie existieren und an den Fassaden der Supermärkte werden Weihnachtsgirlanden aus Plastik montiert. Ich muss lachen, als ich vor einem der Shopping Center eine Gruppe bolivianischer Panflötenspieler sehe. Stehen die in Hof auch wieder vor dem Kaufhof?

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